Vor einigen Wochen saßen wir mit einigen Bekannten beisammen. Nach zwei, drei Bier hatten wir zuverlässig den Punkt erreicht, an dem die Welt klar und einfach wird. Komplexe Strukturen lösen sich stammtischartig auf und werden zu linearen Zusammenhängen. Probleme sind schnell erkannt und Lösungen so offensichtlich, dass immer wieder die Frage aufkommt, warum denn niemand was unternimmt. Diesmal ging es um die Zukunft der Arbeit. Richard David Precht ist als Populärphilosoph derzeit in Talkshows unterwegs, wird nicht müde zu betonen, wie sehr sich die Arbeit verändern wird (siehe Link ganzuntendrunter). Oder anders herum: Wie viel Arbeit verschwinden wird. Was das mit Spielen zu tun hat? Vielleicht viel.

Mein Lösungsansatz war an besagtem Abend nämlich ein ludologischer: Wir werden virtuelle Welten brauchen, um die nicht arbeitenden Massen ruhig zu halten. Mindestlohn und dann eben für die, die damit nix anzufangen wissen, hochgradig süchtig machende digitale Spiele. Sonst kracht es über kurz oder lang. Die von vielen gehassten Onlinespiele werden der Schlüssel zum sozialen Frieden; besser: zur sozialen Betäubung.

Ob das gut oder schlecht ist, lass ich einmal dahingestellt. Aber ich bin nicht der Einzige, der diese Beobachtung gemacht – und Idee gehabt hat (ein Blick in die Science-Fiction-Literatur genügt). Hier gibt es einen spannenden Artikel, der das Thema sogar erweitert und beobachtet, dass es zwischen virtuellen Welten und Religionen (und Ersatzreligionen) aus dem richtigen Betrachtungswinkel viele Parallelen gibt. Verfasser ist Yuval Noah Harari von der Hebrew University of Jerusalem.

Und natürlich denken wir auch an Brot & Spiele; also die bewusste Betäubung des Volkes duch körperliche und geistige Mindestversorung bzw. -stimulanz. Warum aber gerade durch virtuelle Welten? Warum nicht durch Kreativprogramme, Kurse, lebenslanges Lernen, analoge Spiele und tiefe Selbstverwirklichung? Weil das nicht funktionieren wird, weil all diese Dinge mit einem enormen Aufwand und Willen verbunden sind. Digitale Spiele hingegen sind ungeschlagene Meister im Bereich der Zugänglichkeit, Motivation und Belohnung. Genussvoll und nahezu ohne Anstrengungen bleiben die Spielenden am Ball. Kleine Häppchen halten das Feuer am köcheln (mei, ist das jetzt wieder plastisch formuliert) und die audiovisuellen Reize sind sowieso eine Wucht. Wer will schon mühsam einen Vortrag über ein sperriges Thema hören oder gar noch viel mühsamer etwas lernen (ein Instrument, neue Spielregeln, usw.), wenn es so viel einfacher geht, Freude zu empfinden? Viele, aber nicht alle. Und im Idealfall wird die Menge der „nicht alle“ in den kommenden Jahren auch größer. Womit wir aber beim Bildungsthema wären … und so weit wollte ich dann doch gar nicht ausholen.

Zum Abschluss hier was zum Nachhören: Ein Gespräch mit Richard David Precht.