Letzte Woche lief auf FM4 – das ist ein öffentlich-rechtlicher alternativer Jugendsender, den man einfach mögen muss – eine Folge Extraleben zum Thema Analog und Digital. Nicht nur im Kontext Brettspiele, aber doch ein spürbarer Fokus. Bei FM4 dreht es sich hauptsächlich um digitale Spiele, aber die Menschen dort sind eigentlich an jeder Spielform interssiert und drum ist es eben auch immer spannend, einen Blick von Außen zu bekommen … wie Brettspiele so gesehen werden. Und nocheinmal drum, an dieser Stelle einige Eränzungen und Empfehlungen. Vorher vielleicht sogar den Beitrag nachhören.

Verfluchte Scheißregeln! Natürlich. Spielregeln zu lesen, zu erfassen, im Kopf zu vernetzen und dann auch tatsächlich umzusetzen, also gemeinsam dem leblosen Material Spiel einzuhauchen, ist anstrengend. Bisweilen so richtig. Für manch einen ein Genuss oder fast schon Meta-Game, ein Tor in eine neue Welt. Wenn sich die Spielregeln beim Lesen im Kopf so langsam zusammenfügen und genauso langsam klar wird, wie das alles inneinandergreifen könnte – wo welche Spielfigur ihren Platz im Spieluniversum hat – dann … diese mentale Katharsis … ach was! Ich kann jede und jeden verstehen, der das langweilig findet. Und dessen ist sich auch die Branche bewusst. Wir hören euch! Aber da müsst ihr jetzt durch. Und stark sein. Erklär-Apps haben sich entgegen meiner überzeugten Prognose nicht durchgesetzt. Die Lösung: Spiele mit leichten Regeln oder spielen mit Regelkundigen. Oder Spiele mit guten Tutorials (gibt es leider wenige). Oder Regelerklärvideos auf Youtube (oder gelegentlich auch den Verlagsseiten). Und diese Regelerklärvideos am Smartphone sind dann fast schon die von mir prognostizierte App. Regelerklärvideos ist übrigens ein gans besonders schönes Wort.

Solitär spielt sich digital besser. Jo eh. Da bin ich so 100%ig bei den FM4lern. Aber trotzdem hat sich in den letzten Jahren einiges getan im Bereich der Solospiele:

  • Verlage, die sich ganz besonders darauf konzentrieren, wie etwa Victory Point Games (feines Tower Defense: Legions of Darkness) … da wird es zwar teilweise regeltechnisch heftig und die Sache ist schon eine arge Nische, aber die Anzahl an Titel zeigt doch, dass da ein Markt sein dürfte.
  • Etwas weniger nerdige Spiele, in normalen Verlagen, wie etwa das Inselüberlebensspiel Freitag von Freideman Friese oder das Verhandlungsspiel Hostage Negotiator. Themen, bei denen es thematisch wichtig und schlüssig ist, dass solo gespielt wird.
  • Soloregeln zu normalen Spielen. Vermutlich ist es dem Multiplayer-Solitär-Trend geschuldet. Bei vielen analogen Spielen spielt man eher nebeneinander her und vergleicht am Schluss seine Punkte. Der Konflikt ist passiv und im idealfall ist der Mitspieler ein sympatischer Zufallsfaktor. Und so bietet es sich auch an, diese Spiele solo spielen zu können. Also: Agricola. Hüstel.

Und trotzdem spiele ich eigentlich nie solo analoge Spiele. Erstens können da digitale Spiele wirklich sehr viel und sehr viel mehr und sehr viel besser. Und zweitens komm ich mir wahnsinnig seltsam vor, allein am Tisch zu sitzen. Okay, Legion of Darkness hab ich probiert und bei der Entwicklung im Balancing v.a. kooperativer Spiele ist es ganz hilfreich.

Kooperativ ist super aber selten?! Ähm. Das stimmt so einfach nicht. Durch den Erfolg von Matt Leacocks Pandemie ist da was passiert … hat sich eine Tür geöffnet und die ist nicht mehr zuzubekommen. Viele Spiele bauen auf der DNA Pandemies auf, aber es gibt auch genug frische Ansätze. Wie etwa die fast schon klassisch anmutenden Point’n Click Spiele Time Stories und 7th Continent. Und schräge Themen (spannenderweise oft in Echtzeit): Alleprügelnaufdenorkein, Küchenmanagement,  Shoppingcenterplünderung, Raumschiffbrückenchaos oder Tempelplünderungen. Gerade kooperativ ist das Angebot mittlerweile so gewaltig. Richtig geiler Scheiß, wenn ich einmal so direkt sein darf. Fast schon erdrückend … so wie die Gloomheaven box. Nur eben nicht selten.

Ich hab mir beim Hören noch weitere Notizen gemacht. Zum Thema Handling, VideospielBrettspielUmsetzungen, Civilisation Brettspiel und Sportspielen … aber das vielleicht in einem späteren Post. Jetzt noch fünf Empfehlungen für Videospieler, die Brettspiele probieren wollen.

Captain Sonar hat seine Tücken, aber ist ein absolut neues Spielerlebnis. Kurz umschrieben: Schiffeversenken in Echzteit in zwei Teams gegeneinander mit verschiedenen Rollen. Allerding: Erklären lassen bzw. alle Spieler gut darauf vorbereiten.

Legenden von Andor ist zwar nicht mein liebstes kooperatives Fantasy-Brettspiel, aber unglaublich stringent umgesetzt, episch in der Erzählung (und Optik) und vor allem: Ein Tutorial, das uns langsam, fast schon behutsam Schritt für Schritt einführt. Kontextsensitiv mit Pop-up Infoboxen. Ohne Schmäh. Und das funktioniert. Ja, massig Material muss organisiert werden, aber die Regeln spüren wir kaum.

Formula D ist ein einfaches und direktes Rennspiel für bis zu zehn Spieler. Hier stimmt vor allem das Verhältnis zwischen Regeln und thematischer Verbindlichkeit. Mit zu viel Speed in die Kurve zu fahren … und es doch irgendwie zu schaffen. Großartig.

Pandemic Legacy Season 1 muss an dieser Stelle einfach sein. Pandemie im Spielablauf überraschend einfach. Die Mechanismen wirken abstrakt. Im Spiel selbst werden sie aber mit unglaublich viel Thema und Emotion aufgeladen. Kein gramm Fett und trotzdem nicht trocken. Pandemic Legacy setzt noch eines drauf und macht aus dem Spiel eine Geschichte über viele Partien. Das Spielbrett verändert sich, Cliffhänger lassen uns bangen und am Schluss kaufen wir uns auch noch Season 2.

Und als Underdog Acht-Minuten Imperium. Warum? Weil jeder Risiko kennt. Weil epische Strategiespiele am Brett mit 48seitigen Regelheften und 346 Miniaturen daherkommen. Weil das schon ewtas einschüchtert. Und weil Acht Minuten Imperium das alles nimmt, verbrennt und mit der Asche einen Schnaps ansetzt. Es spielt sich natürlich eher selten in nur acht Minuten, zeigt aber, wie wenig wirklich nötig ist, um ganz viel zu erreichen. Wenig Regeln und wenig Material. Ein (Material)Microgame.